Saskia Faltus

Interkulturelle Kompetenz – Der Weg zu erfolgreichen internationalen Kooperationen

Angesichts der heutigen multikulturellen Belegschaft ist es von entscheidender Bedeutung, den Dialog über interkulturelle Nuancen zu eröffnen. Globale Unternehmer*innen können nur dann nachhaltig handeln, wenn sie den Einfluss von Kultur auf die Arbeitswelt erkennen und richtig interpretieren. Die Sensibilisierung für kulturspezifische Verhaltensweisen ist daher ein wichtiger Ansatzpunkt für ein effektives Management interkultureller Begegnungen.

Wir hatten das Vergnügen, uns mit Professor Dr. Christoph Barmeyer über interkulturelles Management zu unterhalten. Herr Barmeyer ist Inhaber des Lehrstuhls für Interkulturelle Kommunikation an der Universität Passau und Experte der Interkulturellen Organisationsforschung. Überdies berät er Unternehmen erfolgreich und lösungsorientiert auf diesem Gebiet. Da leverist.de Projekte der Entwicklungszusammenarbeit mit Unternehmen weltweit vernetzt, ist interkulturelles Management in diesem Zusammenhang besonders relevant. Denn oft arbeiten bei diesen globalen Partnerschaften Menschen aus sehr unterschiedlichen Kulturen zusammen. Deshalb möchten wir von Professor Barmeyer erfahren, wie solche Kooperationen möglichst erfolgreich und nachhaltig gestaltet werden können.

leverist.de: Herr Prof. Barmeyer, Sie beraten Unternehmen regelmäßig zu Interkulturellem Management und Lernen. Was genau kann man sich unter interkultureller Kompetenz vorstellen?

Professor Barmeyer: Jeder Mensch ist das Produkt einer oder mehrerer Kulturen, das heißt, wir sind geprägt durch bestimmte kulturelle Praktiken und Werte. Innerhalb unserer eigenen Kultur sind wir damit meist erfolgreich unterwegs. Wenn wir diesen Kontext allerdings verlassen oder Menschen aus anderen Kulturkreisen treffen, dann greifen unsere bewährten Annahmen und Verhaltensweisen eventuell nicht mehr. Das kann zu Missverständnissen und Konflikten führen. Und genau hier setzt interkulturelle Kompetenz an: Wie kann ich mein Verhalten anpassen, um auch in interkulturellen Kontexten meine Vorstellungen und Ziele zu erreichen?

leverist.de: Und wie verhält sich eine Person, die interkulturell kompetent ist?

Barmeyer: Interkulturell kompetente Menschen wissen, dass sie sich möglicherweise anpassen müssen, um in einem multikulturellen Umfeld handlungsfähig zu bleiben. Dabei geht es jedoch nicht nur um den eigenen Erfolg. Diese Menschen stellen sicher, dass alle Gesprächsteilnehmenden gleichberechtigt behandelt werden und sich auch wohlfühlen. Das ist für nachhaltige interkulturelle Beziehungen besonders wichtig. Idealerweise existieren auch ein Grundwissen über die andere Kultur und Kenntnisse der lokalen Sprache.

leverist.de: Gibt es bestimmte Fähigkeiten oder Eigenschaften, die interkulturell kompetente Menschen besitzen?

Barmeyer: Ganz wichtig sind Neugierde, Offenheit und Empathie. Ich kann nur dann interkulturell erfolgreich sein, wenn es mir gelingt, mich in mein Gegenüber hineinzuversetzen. Auch eine gewisse Flexibilität und Selbstreflexion, um mit ungewohnten Situationen umzugehen, sind notwendig. Und eine der wichtigsten Eigenschaften für mich: Humor. Wenn es mir gelingt, über mich selbst zu schmunzeln, dann kann ich angespannte Situation mit einer gewissen Distanz betrachten.

leverist.de: Sie haben ja selbst jahrelang in Frankreich geforscht und gelehrt (Ecole de Management / Université Strasbourg). Gab es bestimmte kulturelle Besonderheiten, an die Sie sich erst gewöhnen mussten?

Barmeyer: Ja, so einige! In der deutschen Kultur ist es zum Beispiel unhöflich, jemandem ins Wort zu fallen. In Frankreich ist das ganz anders: Ein interessanter Dialog ist einer, der andauernd unterbrochen wird. Obwohl ich wusste, dass dies in der französischen Kultur ein Zeichen von Aufmerksamkeit und Engagement ist, war ich trotzdem irritiert. Da musste ich mich wirklich bemühen, einfach normal weiterzureden [lacht]. Das waren Erfahrungen, die ich erst am eigenen Leib erleben und reflektieren musste. Gerade aus diesen interkulturellen Erfahrungen lernen wir und entwickeln uns weiter.

leverist.de: Nun würde mich interessieren, wie man sich interkulturelle Kompetenzen am besten aneignen kann?

Barmeyer: Am Anfang kann es bereits hilfreich sein, sich mit relevanter Literatur auseinanderzusetzen. Verlässliche Quellen verraten einem enorm viel über ein Land, seine Geschichte, Gesellschaft und Kultur. Ein nächster Schritt wäre die Teilnahme an einem interkulturellen Training oder Coaching. Hier sollte allerdings sichergestellt werden, dass es sich um professionelle Anbieter*innen handelt.

leverist.de: Das klingt ja schon sehr vielversprechend. Und inwiefern ist interkulturelle Kompetenz auch für Unternehmer*innen wichtig?

Barmeyer: Sie ist ausschlaggebend. Das beginnt schon mit der Führung, denn brasilianische Mitarbeiter*innen sind einen ganz anderen Führungsstil gewöhnt als chinesische Kolleg*innen. Dies gilt auch innerhalb Europas: Wenn in Deutschland etwas delegiert wird und sich die Führungskraft anschließend nicht mehr meldet, ist das ein positives Zeichen. Der Arbeitnehmende fühlt sich in seiner Eigenverantwortung bestätigt. In Frankreich ist das genau umgekehrt: Hört man nichts mehr von seinem*r Vorgesetzten, ist das Projekt nicht mehr relevant.

leverist.de: Bedeutet dies, dass interkulturelle Kompetenz für den internationalen Erfolg eines Unternehmens entscheidend ist?

Barmeyer: In gewisser Weise bestimmt, denn interkulturelle Sensibilität ist auch für die Preisgestaltung, das Marketing oder Verhandlungen dringend erforderlich. In einem internationalen Kontext kann sich ein Mangel an interkultureller Kompetenz schnell auf den Erfolg einer Abteilung oder des ganzen Unternehmens auswirken. Zahlreiche Kooperationen, Fusionen und Akquisitionen sind nachweislich an unzureichendem interkulturellem Management gescheitert. Jedoch müssen kulturelle Unterschiede nicht zwangsläufig zu Problemen oder Konflikten führen. Im Gegenteil, ein multikulturelles Team kann auch eine große Bereicherung darstellen und Synergien hervorrufen.

leverist.de: Könnten Sie dafür vielleicht ein Beispiel nennen?

Barmeyer: Das schönste Beispiel für mich ist definitiv der Fernsehsender ARTE. Wirkliche Kreativität entsteht ja nur über Gegensätze. ARTE veranschaulicht das Synergiepotential deutsch-französischer Kooperation wunderbar.

leverist.de: Über leverist.de werden Kooperation zwischen Unternehmen und Projekten der Entwicklungszusammenarbeit initiiert. Oft finden der erste Kontakt und die darauffolgenden Verhandlungen virtuell statt. Worauf sollte bei digitalen Treffen besonders geachtet werden?

Barmeyer: Am wichtigsten ist es Vertrauen aufzubauen – auch im digitalen Raum. Das heißt, ein paar Minuten nicht nur über fachliche Themen zu sprechen, sondern auch über persönliche: Welchen Werdegang hat mein*e Gesprächspartner*in durchlaufen? Was treibt sie/ihn an? Welche Träume werden verfolgt? Man muss sich ganz bewusst Zeit nehmen, um Vertrauen aufzubauen. Das ist das Allerwichtigste.

leverist.de: Angenommen ein*e Unternehmer*in steht am Anfang des Internationalisierungsprozesses. Was sollte unbedingt beachtet werden?

Barmeyer: Global agierende Geschäftsleute sollten sich über den Einfluss von Kultur bewusst sein. Sie sollten aktiv hinterfragen: „Wie passen meine Ziele, Produkte, Dienstleistungen und auch die eigene Unternehmenskultur zu dem Land?“ Gegebenenfalls müssen dann die Produkte oder eben auch der Preis dem Zielland angepasst werden.

leverist.de: Worauf sonst sollte das Augenmerk gelegt werden?

Barmeyer: Meiner Erfahrung nach ist es extrem hilfreich, Erwartungen klarzustellen. Jeder Mensch hat ganz unterschiedliche Ansprüche an Qualität, Prozesse oder das Führungsverhalten. Wenn wir diese Bedürfnisse nicht explizit kommunizieren, kann es zu Missverständnissen oder Frustration führen. Deshalb ist es äußerst nützlich, die Erwartungen bereits vorab aufeinander abzustimmen.

leverist.de: Als abschließende Frage: Welchen Ratschlag würden Sie Unternehmer*innen vor einem Treffen mit ausländischen Geschäftspartner*innen mitgeben?

Barmeyer: Wer sich gut vorbereitet, eignet sich sowohl fachliches als auch (inter-)kulturelles Wissen an. Es sollte also ein Grundverständnis für den kulturellen Kontext vorhanden sein: Wie verlief die Geschichte des Landes? Wie funktioniert das politische System? Welche Werte und Normen sind vorherrschend? Wie sieht die Unternehmenskultur des potenziellen Partnerunternehmens aus? Insbesondere das Wissen und die Erfahrung von Expatriates ist sehr wertvoll. Hier sollte ein intensiver dialogischer Wissensaustausch stattfinden.

leverist.de: Lieber Herr Barmeyer, vielen herzlichen Dank für dieses aufschlussreiche Gespräch. Ich bin mir sicher, dass unsere Leser*innen wertvolle Einblicke und Erkenntnisse gewinnen konnten.

Herr Professor Dr. Christoph Barmeyer ist Inhaber des Lehrstuhls für Interkulturelle Kommunikation an der Universität Passau (Deutschland) und hat diverse Publikationen zum Thema Interkulturalität und Interkultureller Kompetenzentwicklung veröffentlicht. Falls Sie noch mehr über Interkulturelles Management und Interkulturelle Kompetenz erfahren möchten, empfehlen wir seine neueste Publikation „Konstruktives Interkulturelles Management“.

leverist.de ist eine Plattform der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH, die Kooperationen zwischen der Privatwirtschaft und Projekten der Entwicklungszusammenarbeit initiiert. Da die GIZ ihren Mitarbeiter*innen interkulturelle Trainings mit erfahrenen Coaches anbietet, sind unsere Kolleg*innen bestens auf die Zusammenarbeit im globalen Kontext vorbereitet.

© Titelbild: Ulrike Haupt