Nachhaltige und faire Lieferketten dank engagierter Start-ups und Entwicklungszusammenarbeit

Will man als einfache*r Bürger*in zu einer nachhaltigen Wende in der Textilindustrie beitragen, fragt man sich schnell, wie effektiv der eigene Beitrag wirklich ist. Ist den Hersteller*innen in irgendeiner Weise damit geholfen, wenn ich die fast Fashion Jeans zurücklege, und stattdessen beim Second-Hand Laden im Kiez vorbeischaue? Kann ich überhaupt langfristig auf günstige, neuwertige Kleidung verzichten? Fehlt es nicht an erschwinglichen Alternativen an fair hergestellten Produkten? Zumindest scheint es so, wenn ich mir die nicht endende Liste „unfair“ produzierender Hersteller*innen und Anbieter*innen anschaue, und im Gegensatz dazu, die überschaubare Anzahl (eher unbekannter) fairer Produzent*innen.

Das Interview mit meinem Gast, Stefan Niethammer, Gründer des Textilunternehmens 3Freunde, gibt zum einen Einsichten darüber, wie es möglich ist faire Lieferketten durchzusetzen, und zum anderen teilt er seine Erfahrungen bezüglich Kooperationen zwischen Start-ups und Entwicklungszusammenarbeit mit uns.

leverist.de: Hallo Stefan, schön dich zu sprechen, und danke, dass du dir die Zeit für unser Gespräch nimmst! Du bist Gründer des Sozialunternehmens 3Freunde aus Berlin und hast bereits einige Erfahrungen in der Kooperation mit der Entwicklungszusammenarbeit und der GIZ gemacht. Das ist sehr spannend, und deine Erfahrungen könnte anderen interessierten Start-ups wichtige Einblicke geben.

Vielleicht kannst du uns als Erstes erzählen, was das Unternehmen 3Freunde genau macht?

Stefan Niethammer: Wir als 3Freunde produzieren T-Shirts und andere Oberbekleidung aus zertifizierter Fairtrade-Biobaumwolle. Wichtig ist uns, dass in der gesamten Lieferkette niemand zu Schaden kommt, nur, weil wir Produkte herstellen wollen. Unseren Kund*innen geben wir damit das Versprechen, dass unsere Produkte weder ökologische noch soziale Probleme vor Ort verursachen.

leverist.de: Das ist ein großes Versprechen! Wie wird das von eurer Seite sichergestellt?

Stefan Niethammer: Wir bemühen uns, dass die einzelnen Produktionsschritte möglichst nah beieinander liegen. Das heißt, dass das T-Shirt auch dort produziert wird, wo die Baumwolle hergestellt wird. Hinzu war es uns wichtig, an einem demokratischen Ort zu produzieren, und so fiel die Wahl auf Indien.

Wieso wir in Indien produzieren, und nicht einfach in Europa, insbesondere Westeuropa, liegt daran, dass wir die Wertschöpfung in Länder des Südens verlagern wollen. Unser Interesse ist es nicht, noch mehr ökonomischen Profit in Westeuropa zu generieren, sondern in Ländern des Südens Wertschöpfung, menschenwürdige Arbeitsplätze und Möglichkeiten zur Bestreitung des Lebensunterhalts zu fördern.

leverist.de: Das ist sehr gut nachvollziehbar! Und wie kam es zum Entschluss, mit der Entwicklungszusammenarbeit kooperieren zu wollen?

Stefan Niethammer: Jetzt wo man unsere Ziele und Überzeugungen kennt, kann man schnell feststellen, dass die Entwicklungszusammenarbeit ein wesentliches Element darstellt. Sowohl wir als Sozialunternehmen, als auch die Entwicklungszusammenarbeit, streben an, die Lebensrealitäten in Entwicklungs- und Schwellenländern zu verbessern, zum Beispiel durch Handel und faire und nachhaltige Wertschöpfungsketten. Es ist da sicherlich von Vorteil auch staatliche Akteure mit ins Boot zu holen, denn so kann man auch mit Regierungen und anderen Institutionen gemeinsam an Veränderungen arbeiten.

leverist.de: Wie kann eine solche Kooperation zwischen Start-up und Entwicklungszusammenarbeit aussehen?

Stefan Niethammer: Unser erster Kontakt mit der Entwicklungszusammenarbeit war mit „Engagement Global“. Unsere erste Kooperation mit der GIZ jedoch war vor sechs Jahren in einer Co-Partnerschaft im Rahmen eines DeveloPPP-Programms. Hier ging es darum, faire Produktionsschritte entlang der Lieferketten zu implementieren.

Die GIZ möchte einen Business Plan haben, der schildert wo man als Unternehmen mit der GIZ hinwill. Eine Zusammenarbeit eignet sich also besonders für Start-ups, die schon ein bisschen Erfahrung haben. Dann kann die GIZ nämlich auch als Co-Finanzierer auftreten, und ist daher besonders spannend für nachhaltige Projektideen, die eine hohe Erfolgswahrscheinlichkeit mitbringen, aber unter ökonomischen Gesichtspunkten ohne Hilfe sonst nicht realisierbar wären.

leverist.de: Nun ist das DeveloPPP-Programm ja nicht das einzige Tool der Entwicklungszusammenarbeit, das ihr ausprobiert habt, denn auch auf leverist.de sind gleich zwei Gesuche von 3Freunde eingestellt. In einer der Ausschreibungen sucht ihr nach Zulieferern von Bienenwachs und Jojobaöl aus Indien. In einer anderen sucht ihr ebenfalls in Indien nach Abnehmern für mehrere Millionen medizinischer Gesichtsmasken.

Wie wurdet ihr auf leverist.de aufmerksam?

Stefan Niethammer: leverist.de wurde uns von der Geheimwaffe der GIZ vorgestellt, nämlich den EZ-Scouts, die in Fachverbänden sitzen oder den Industrie- und Handelskammern zugeordnet sind. Die EZ-Scouts fungieren ein bisschen wie Dolmetscher*innen zwischen der Welt der Unternehmen und der Entwicklungszusammenarbeit.

leverist.de: Bei dem Bienenwachs-Gesuch bekamt ihr bereits zwei Matches. Wie zufrieden wart ihr mit denen?

Stefan Niethammer: Eines der Matches war ein Projekt aus dem afrikanischen Kontinent, das ich grundsätzlich sehr spannend fand, jedoch leider nicht für uns geeignet war, da wir spezifisch in Indien nach Partnern suchen. Insgesamt ist es ein sehr einfacher und komfortabler Zugang, um bestimmte Partnerschaften und Services international zu suchen. Leverist.de ist leicht zu bedienen, kostenlos und schnell.

leverist.de: Warum ihr Indien als Produktionsland ausgewählt habt, hast du bereits am Anfang ein wenig erläutert. Kannst du uns ein bisschen mehr zum Internationalisierungsprozess für Start-ups erzählen und welche Rolle hier leverist.de einnehmen könnte?

Stefan Niethammer: Wir wollten unbedingte Transparenz in den Lieferketten, und existenzsichernde Löhne – mit den richtigen Partnern von Ort kann man es schaffen. Natürlich kann man da systematisch vorgehen, zu unserer Wahrheit gehört jedoch, dass es eine Folge von Zufällen waren, die uns zu den Partnern geführt haben, mit denen wir heute noch zusammenarbeiten. Damals gab es leverist.de noch nicht. Wir haben gesagt, dass wir nach Indien wollen, denn Indien war damals der zweitgrößte Biobaumwollproduzent der Welt und alle Produktionsstufen waren vor Ort umsetzbar. Wir begannen mit vier Testbestellungen, davon waren zwei in Ordnung, und einer stach besonders hervor. Denn dieser wollte zum Beispiel wissen, was Biobaumwolle von konventioneller Baumwolle unterscheidet. Er hat also Fragen gestellt, anhand derer wir merkten, dass es ihm nicht nur ums Geschäft ging, sondern darum etwas Sinnvolles zu machen.

Wenn man Wirtschaften insgesamt betrachtet, würde ich auch immer raten, sich die Menschen anzuschauen. Wirtschaft hat viel mit Vertrauen zu tun. Und das baut sich nicht zwischen Maschinen, sondern zwischen Menschen auf. Schlussendlich haben wir 2012 eine eigene Näherei zusammen in Indien gegründet.

Wenn es damals bereits eine Plattform wie leverist.de gegeben hätte, die Matchmaking mit einigermaßen vorgeprüften Firmen ermöglicht, dann wäre es natürlich eine unglaubliche Erleichterung gewesen.

leverist.de: Vielen Dank Stefan. Das war ein sehr inspirierender Einblick in euren Werdegang, und euch weiterhin viel Erfolg!

Aus dem Gespräch mit Start-up Gründer Stefan Niethammer habe ich viele Schlüsse ziehen können, die sich folgendermaßen zusammenfassen lassen:

Die Zusammenarbeit zwischen Start-ups und Entwicklungszusammenarbeit ist am Anfang ein Koordinierungsprozess, bei dem beide Seiten ihre Ziele und Bedingungen klar aufeinander abstimmen müssen. Gelingt dieser Schritt, können auch junge Unternehmen von der GIZ als Co-Partner profitieren. Hinzu kommt, dass die Entwicklungszusammenarbeit ganz verschiedene Tools und Projekte für die Zusammenarbeit mit Unternehmen zur Verfügung stellt – dabei eignen sich nicht alle gleichermaßen gut für Start-ups. Leverist.de, als kostenloses und leicht bedienbares Tool, ist ein einfacher und risikofreier erster Zugang zu Geschäftsmöglichkeiten in Entwicklungs- und Schwellenländern.

Darüber hinaus haben die Einblicke in den Werdegang von 3Freunde auch meine Eingangsfragen und Bedenken aufgelöst. Wenn es 3Freunde gelingt ihre klaren Überzeugungen entlang der Lieferkette durchzusetzen, und tatsächlich fair hergestellte Produkte anzubieten, dann ist eine nachhaltige Wende in der Textilwirtschaft sehr gut möglich.

Urheberrechte Titelbild: Marianne Krohn auf Unsplash, 2020

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